ZuverlÀssogkeitsmanagement: Zufall ist nicht erkannter Zusammenhang_R.Korb

đŸ‘đŸ» ZuverlĂ€ssigkeitsmanagement: Zufall ist nicht erkannter Zusammenhang.

1. Oktober 2018 | von Gastkommentar

Ein Bericht aus dem Leben zweier ZuverlÀssigkeitsingenieure

Laura fĂ€hrt ihren PC hoch. Draußen ist es noch stockfinster. Sie versteht ĂŒberhaupt nicht, wie ihr Kollege Peter um diese Zeit schon so munter sein kann. Pfeifend hantiert er mit einer Hand an der Kaffeemaschine, wĂ€hrend er in der anderen sein Tablet hĂ€lt und immer wieder einen Blick auf die angezeigte Liste wirft.

– Wann wirst du endlich dein Tablet wiederbekommen? – fragt Peter.
– Keine Ahnung – antwortet Laura ein wenig genervt.

Sie lĂ€sst sich gerade die SchichtbucheintrĂ€ge der Produktion der letzten 24 Stunden anzeigen. Die Liste druckt sie aus und beginnt mit dem Textmarker einzelne EintrĂ€ge zu markieren – viel Handarbeit fĂŒr die nur zehn Minuten bis zur gemeinsamen Morgenbesprechung von Produktion und Instandhaltung, bei der tĂ€glich um 6:30 Uhr die Ereignisse der letzten Nacht und die geplanten Arbeiten fĂŒr den Vormittag besprochen werden. Obwohl die Dokumentation aller Ereignisse inzwischen sehr gut ist, sind die persönlichen morgendlichen Treffen wichtig. Peter drĂ€ngt:
– Komm, wir mĂŒssen rĂŒbergehen!

#kurzgesagt: RELIABILITY ENGINEERING – ZUVERLÄSSIGKEITSMANAGEMENT 🔧

Es werden aufgetretene Störungen und Verlustereignisse analysiert, um die auslösenden technischen und die dahinterliegenden organisatorischen MĂ€ngel zu entdecken. Die abgeleiteten Verbesserungsmaßnahmen zielen darauf ab, durch möglichst kleine organisatorische und technische Änderungen fĂŒr möglichst viele potentielle Konsequenzen, die durch diese MĂ€ngel ausgelöst werden können, das Risiko zu senken. ZusĂ€tzlich fließt die gesammelte Erfahrung in Investitionsprojekte ein, um das Risiko von der ersten Planung an erst gar nicht entstehen zu lassen.

đŸ‘©â€đŸ”§ 👹‍🔧 Peter und Laura – ZuverlĂ€ssigkeitsingenieure

In den USA ist die Rolle Reliability Engineer in praktisch jedem Produktionsbetrieb vorhanden, doch in Europa ist sie bislang kaum bekannt. Peter ĂŒbt diese TĂ€tigkeit nun schon seit drei Jahren aus. Zuvor hat er bereits sehr viel Erfahrung in der Instandhaltung in fast allen Werksbereichen gesammelt. Er hat wenig Gelegenheiten ausgelassen, darauf hinzuweisen, dass er auf hundert Jahre Berufserfahrung zurĂŒckblicken könne. In letzter Zeit allerdings hat er sich diese Bemerkung verkniffen – was zwar nicht unbemerkt geblieben ist, doch von den meisten fĂŒr einen Zufall gehalten wird. Es gibt aber einen Grund: Zwei Tage nach Peters 50. Geburtstag, als er es sich in kleiner Runde vor einem Schaltschrank nicht verkneifen hat können, wieder auf seine lange Berufserfahrung hinzuweisen, ist Laura vorgeprescht. Vor versammelter Mannschaft ist es keck aus ihr herausgesprudelt:

– Echt beachtlich, dass man dir nur 65 davon ansieht! – Die Gruppe hat sich vor Lachen gebogen. Peter ist zunĂ€chst versteinert gewesen, doch schnell hat auch er herzlich lachen mĂŒssen. Freundschaftlich hat er Laura auf die Schulter geklopft und gestöhnt:

– Was habe ich mir nur mit dir eingehandelt? Wir werden noch viel Spaß miteinander haben!

Laura ist nun mittlerweile seit zweieinhalb Monaten in Peters kleinem Team, das eigentlich nur aus ihnen beiden besteht. Das quirlige und energiegeladene Wesen der jungen Frau hat ihn gleich beim ersten Kontakt im VorstellungsgesprĂ€ch fasziniert. Er ist jedoch skeptisch gewesen, ob sie die notwendige Genauigkeit und Ausdauer fĂŒr die Arbeit als ZuverlĂ€ssigkeitsingenieurin mitbringen werde. Gleich nach der Uni hat sie fĂŒr zwei Jahre bei einem Sondermaschinenbauer gearbeitet und ist auf Inbetriebnahmen in allen möglichen LĂ€ndern in Europa tĂ€tig gewesen. Dort hat sie gelernt, wie wichtig es ist, sowohl den Prozess, die mechanische Hardware, die Elektrik wie auch die Software zu verstehen.

„Wer die Funktionen nicht begriffen hat, wird gar nichts schaffen“, hat sie sich schon damals immer wieder vorgesagt. Innerhalb kĂŒrzester Zeit hat sie diese HĂŒrde gemeistert.

Außerdem hat sie in dieser Zeit gelernt, wie mit den Kolleginnen und Kollegen im Baustellenalltag am besten umzugehen ist. Im Assessment Center hat Laura gezeigt, wie gut sie fĂŒr die Position eines ZuverlĂ€ssigkeitsingenieurs geeignet ist. Es ist ihre Aufgabe gewesen, ein 300-Teile Puzzle zu lösen, in Suchbildern die fĂŒnf Unterschiede zu finden und bei einer kleinen Modellmaschine den Grund fĂŒr die Störung zu finden sowie drei VerbesserungsvorschlĂ€ge zur Vermeidung des Wiederauftretens zu formulieren. Keiner hat die Aufgaben so schnell bewĂ€ltigt wie Laura und kein anderer hat aus der Störung der Modellmaschine organisatorische VerbesserungsvorschlĂ€ge abgeleitet. Auch im KonfliktgesprĂ€ch hat sie sehr gut abgeschnitten. Laura hat den Job bekommen.

Jochen, der Produktionsmeister, eröffnet die Morgenrunde immer mit den gleichen Worten:

– Arbeitssicherheit – irgendwelche Vorkommnisse?

Erfreulicherweise schĂŒtteln alle den Kopf. Schon lange ist die Morgenrunde keine Sitzung mehr, sondern vielmehr eine Stehung. Auf einer riesigen Wandtafel sind alle wesentlichen Anlagenabschnitte symbolisiert. Produktion, Instandhaltung – noch getrennt in Mechanik einerseits und Elektro-, Mess- und Regeltechnik andererseits – und das fachĂŒbergreifende ZuverlĂ€ssigkeitsteam markieren mit Magnetknöpfen in ihrer Farbe die Anlagenabschnitte, ĂŒber die sie sprechen wollen oder zu denen sie Fragen haben. Alle bis auf Laura haben Tablets in der Hand. Vor der Besprechung haben sich die Instandhalter die Meldungen der Produktion bereits durchgesehen, und der Produktionsmeister hat den Abarbeitungsstand der Instandhaltung nachgelesen. Es wird nur das besprochen, was noch unklar ist. Peter hat kurz vor dem Start des Treffens einen gelben Magnet auf das Symbol der Druckmaschine geklebt.

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In der Kokerei befindet sich die Druckmaschine, eine mehrere 100 Tonnen schwere, fahrbare Vorrichtung, welche die TĂŒren der sogenannten Ofenkammern aushĂ€ngt und danach den fertigen Koks durch die Kammer und einen ĂŒberdimensionalen fahrbaren Trichter, die Überleitmaschine, in die Löschmaschine schiebt. Die Löschmaschine transportiert dann den glĂŒhenden Koks zum Löschturm. Laura hat einen gelben Magnet auf die Überleitmaschine geklebt. Als Laura an der Reihe ist, sagt sie:

– Es hat an den letzten beiden Tagen EintrĂ€ge von euch gegeben, dass sich die Überleitmaschine an Position 35 von SĂŒden kommend nicht richtig positioniert hat. Bei der Vorbeifahrt und beim Positionieren von Norden kommend gibt es keine Probleme. Ich habe mir die PositioniervorgĂ€nge mit unseren Variablen im Datenrekorder genau angesehen und zuerst gedacht, dass die Referenzblechtafel fĂŒr die Lichtschranken verschoben ist, da die Millimeter-Werte zwischen der Position 34 und 35 nicht genau gestimmt haben. Dass das Problem nur bei der Nordfahrt aufgetreten ist, hat einfach keinen Sinn ergeben. Und dann habe ich das gemacht, was ich immer mache, wenn mich der Datenhaufen nur mehr verwirrt. Ich gehe an die frische Luft und schau mir das Ganze vor Ort an. Und wisst ihr, was ich dort auf dem einen Ende der Blechtafel fand? – fragend schauen sie alle an. Peter ist fasziniert, wie Laura die Spannung zu der Geschichte aufbaut, die sie ihm schon gestern am Nachmittag lachend erzĂ€hlt hat.

Dieser Artikel erschien im Jahrbuch INSTANDHALTUNGSTAGE 2018.

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Alle Blicke sind auf sie gerichtet – ihr gilt die volle Aufmerksamkeit. Triumphierend zieht sie einen großen Putzlappen aus ihrer Hosentasche.

– Der dreckige Freund hat es sich auf der Blechtafel 35 bequem gemacht und da ist es kein Wunder gewesen, dass die Lichtschranke an der falschen Stelle geschaltet hat! – sie hĂ€lt kurz inne. – Ich bin schon gespannt, welche organisatorische Verbesserungsmaßnahme von euch vorgeschlagen wird, damit das nicht mehr vorkommt. Spaß beiseite, ich möchte mit Jochen kurz im Anschluss beraten, was wir hier tun können – setzt Laura fort. – So, Peter jetzt bist du dran – sagt sie abschließend.

Peter ist richtig stolz auf seine Laura. Sie schafft es immer wieder, die versammelte Runde mit den Erkenntnissen aus den Analysen so zu fesseln, dass diese die Optimierungsarbeit spannender als den Sonntagskrimi empfindet. Seit sie im Team ist, wird die Verbesserungsarbeit viel mehr wertgeschĂ€tzt. Peter ĂŒbernimmt:

– Ich habe mir die Hitparade der Leitsystem-Störmeldungen der letzten 24 Stunden durchgesehen und heute fĂ€llt mir auf, dass der TĂŒrabheber der Druckmaschine fĂŒnfmal beim TĂŒrrausheben in LaufzeitĂŒberschreitung gegangen ist. Laura hat nur drei EintrĂ€ge im Schichtbuch gefunden. Das kann passieren, es haben ja alle viel zu tun. Doch meine Bitte ist: „Macht ein Foto vom unteren Drehgelenk, bevor ihr Dreck wegrĂ€umt und alles wieder zum Laufen bringt. Das wĂŒrde uns massiv helfen, das Problem weiter einzugrenzen. Wir können leider nicht alles in den Daten erkennen. Also ihr wisst schon


Jochen unterbricht ihn und erklĂ€rt mit gekĂŒnstelter, singender Stimme:

– Bevor die Leiche weggeschleppt wird, machen wir Spurensicherung am Tatort! FĂŒr ein Foto ist immer Zeit. Ich sag es den Jungs nochmal. Sie haben es ja erst fĂŒnfzigmal gehört. – Jochen schmunzelt, und Peter grinst zufrieden. Peter ist sich bewusst, wie wichtig die gute Kommunikation mit den fĂŒr die verschiedensten Bereiche ZustĂ€ndigen ist.

– Der Ton macht die Musik – sagt er sich immer wieder und achtet stets darauf, seine Anliegen so zu platzieren, dass sein GegenĂŒber diese auch annehmen kann. In all den Jahren hat er erkannt, dass er zwar Ingenieur durch und durch ist, aber seine Kollegen und Kolleginnen eine andere Betreuung als jene der Maschinen brauchen. Seine technische StĂ€rke ergĂ€nzt er mit der FĂ€higkeit, andere auf eine lockere und immer wertschĂ€tzende Art auf seine Seite zu bringen. Sein Chef hat dies damals, als er die Position des ZuverlĂ€ssigkeitsingenieurs eingefĂŒhrt und sie mit Peter besetzt hat, klar erkannt. Es ist definitiv die richtige Entscheidung gewesen. Mit Laura ist ein weiterer GlĂŒcksgriff gelungen.

Das ist nur ein erster, kleiner Einblick in den Alltag von Peter und Laura. Haben Sie in Ihrem Betrieb auch erkannt, wie wichtig es ist, einen ZuverlĂ€ssigkeitsingenieur zu nominieren, der sich ein StĂŒck aus dem TagesgeschĂ€ft herausziehen kann und zugleich eng mit dem TagesgeschĂ€ft interagiert? Haben Sie das schon in der Praxis umgesetzt? Wenn nicht, gehen Sie nochmals zu Peter und Laura zurĂŒck. Sie werden im Text viele Hinweise finden, die Sie fĂŒr eine erfolgreiche Umsetzung verwenden können.

In zahlreichen Praxisprojekten habe ich erlebt, wie ZuverlĂ€ssigkeitsmanagement scheitert und was gemacht werden muss, damit es funktioniert. Ich weiß aber auch genau, dass es stets eine Ă€ußerst anspruchsvolle und faszinierende Aufgabe bleibt, die sich mit der Erfahrung aus anderen Betrieben leichter einfĂŒhren lĂ€sst.

Zum Autor:

Reinhard Korb ©orhideal-image.comDIPL.-ING. DR. REINHARD KORB
Netzwerkpartner von dankl+partner consulting gmbh
Teilhaber MCP Deutschland GmbH
Teilhaber und GeschĂ€ftsfĂŒhrer Korb Consulting KG

Fachgebiete: : Strategieentwicklung und -umsetzung, Organisationsentwicklung, Modellierung
und Simulation, Prozessoptimierung, Asset Management, ProduktivitĂ€ts-, VerfĂŒgbarkeits- und
ZuverlÀssigkeitsanalysen, OEE-Optimierungen, TPM Umsetzung und Training (5S, Anlagenoptimierungen,
KPIs), Lebenszykluskosten, Ersatzteilmanagement

 

 

Titelbild: ©Colourbox

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